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Originelles

Gesellschaftliches, Originelles

Sphärischer Abend

Neulich bei Bekannten: Show-Cooking. Es soll molekulare Küche geben.

Na bitte, sind wir nicht alle ein bisschen molekular, denke ich, während wir den Herren Wirtschaftsprüfer, Rechtsanwalt, Star-Architekt, einem Apotheker sowie den Geschäftsführern Alpha und Omega samt ihrer charmanten Begleitung die Hand schütteln.

„Eine ganz spontane Idee“, strahlt die aus dem Ei gepellte Gastgeberin im aprikot-farbigen Seidenkleid. Rein zufällig feiert sie heute Geburtstag. „Alles liebe Freunde, die uns am Herzen liegen.“

Flöt! Da wohnt man in einem Herzen und weiß gar nicht, wen man neben sich hat. Eine offizielle Vorstellungsrunde folgt. Der Filius des Hauses im zarten Alter von sechs zeigt auf den wohlbeleibten Rechtsanwalt und sagt: „Das da ist mein dicker, fetter Onkel.“

„Also wirklich, schwirr’ mal ab, du… kleiner … kleiner Clown“, errötet die Mama, und ich kann die Funken der Worte, die sie eigentlich hätte sagen wollen, in der Luft tanzen sehen.

Der Anwalt nimmt es mit gespielter Empörung: „Wo ich drei Kilo abgenommen habe – wie gemein.“ Schade, wenn man keinen verklagen kann.

Der Prosecco wird im rechten Augenblick gereicht. Schwimmen da wirklich glibberige rosa Kügelchen drin? Erinnert mich irgendwie an … Eizellen??

„Toll, nicht?“ Die Mutter der Gastgeberin gesellt sich zu mir. „Sphären!“ Ihre Augen blitzen.

„Sie wissen schon: die kleinen Kügelchen, die Kaviar ähneln. Sie können aus Fruchtsaft, Obst- oder Gemüsepüree bestehen, oder Alkohol. Ein bisschen Alginate und Calciumchlorid, ab in ein Reaktionsbad, und fertig sind die kleinen Gelkapseln.“ Kichernd schlägt sie ihre manikürten Hände vor das kosmetikbereinigte Gesicht.

Ihr Mann, Senior-Chef eines Pharma-Unternehmens, stellt sich neben sie: „Ist mal was völlig anderes, nicht? Wissen Sie, als die uns bei Ferran Adrià Erbsensuppe im Sektglas serviert haben, dachte ich, die wollen mich verarschen.“ Er legt eine Pause ein, wie um dem letzten Wort mehr Gewicht zu verleihen. „Sie kennen Erbsensuppe?“

Ich schweige.

Er deutet mit seinen Fingern an: „Ein Drittel superheiße Suppe, ein Drittel eiskalte Suppe, zum Schluss lauwarme Suppe. Keinen Löffel. Alles auf einen Zug trinken. Wissen Sie, wie sich das anfühlt?“

Er pausiert wieder.

„Sie verbrennen sich die Schnauze.“ Er bricht in dröhnendes Gelächter aus. „Aber dieser Geschmack…“

Vom Hohetempel der modernen Küche am Wohnzimmerbuffet erklingt das dezente Klopfen eines Kaffeelöffels gegen ein Weinglas und bittet um Aufmerksamkeit. Showtime – der Chef mit der Kochmütze wünscht Hilfe bei der Zubereitung der Molekulareinlage für seine Toma­tenessenz. Herr Apotheker eilt beflissen herbei und quirlt etwas ungelenk eine gelbliche Masse, von der der Koch erklärt, sie sei eine Mischung aus Methylcellulose und irgendwas. Während die Ehefrau witzelt, den Herrn Apotheker sähe sie zu Hause nie am Herd, wo denn bitte die Kamera sei, nimmt der Senior-Chef die Konversation wieder auf: „Methylcellulose, wissen Sie, was das ist?“

Mein Chemieunterricht liegt schon Ewigkeiten zurück. Ich quittiere mit einem Lächeln. Koch und Apotheker ziehen die Flüssigkeit in Kanülen auf und spritzen wilde Figuren in die Teller Suppe.

„Bei allem Respekt“, ich schaue dem Senior geradewegs in die Augen. „Es klingt, als möchte man danach nicht mehr viel essen. Aber es wird uns schon nicht den Magen verkleben.“

„Kleister, Sie sagen es! Ist das nicht einzigartig?“ Er drückt mir einen Teller in die Hand, „Und? Wie schmeckt’s?“

„Molekular halt“, antworte ich nach einem lautlosen Schlürfer. „Wie Nudeln, aber jenseits von al dente, Sie verstehen?“

Er nickt und wendet sich einem anderen Gast zu. Gott sei Dank, vielleicht kann ich jetzt ein paar Worte mit meinem Schatz wechseln, der es auf den letzten Drücker aus seiner Agentur hierher geschafft hat. Aber Schatz hat eine blonde Gesprächspartnerin mit Modelmaßen gefunden, die, wie wir lernen, als freiberufliche Designerin in der Damen- und Kindermode für einen Discounter-Konzern arbeitet. Während sich die beiden über Unterschiede zwischen dem Trendsetting einer Haute-Couture und dem schleppenden Modeverständnis eines Otto-Normal-Verbrauchers austauschen, dekoriert der Koch vakuumgegartes Rinderfilet mit einem Rosmarinhäubchen, das wie Spülschaum aussieht.

„Es ist an der Zeit, dass der Mittelstand gestützt wird“, höre ich den „Star“-Architekten am an­deren Ende des Tisches fordern. Hoch erhobenen Hauptes und mit rosigen Wangen schaut er großäugig in die Runde. Ich überlege, worin seine Hilfsbedürftigkeit genau liegt und mache sie erst mal an den schütter-zerfahrenen Haaren fest.

Die molekulare Küche zelebriert inzwischen den Hauptgang: chinesisches Essen. Ich er­warte Pilze, die wirken, als wären sie von Bernstein umschlossen, oder immerhin Gemüse, das aussieht, als wäre es ein Gemälde von Mirò. Nix da! Es gibt gebratene Nudeln in einer Fast-Food-Box mit Holzstäbchen.

„Wieder so etwas ganz Anderes!“ Die Esser verneigen sich in Ehrfurcht.

Wo ist nur der sechsjährigen Clown abgeblieben? Im Bett, erfahre ich auf Nachfrage. Sphärisch gesehen eine wirklich coole Wahl.

Originelles, Tödliches

Todesanzeige für einen Besen

Ein Besen kehrt sich vom Parkett,
voll unadrett … und strohig-alt.
An seinem Grab steht dick und fett:

„So ist der Lauf der Dinge halt.

Du fegtest gut, das ist schon wahr,
und deine Haare auf den Zähnen,
die waren unverwechselbar,
das wollten wir nochmal erwähnen,

bevor dein Stroh vollends zerfällt
im Ozean der Lethargie.
Du bist gezykelt aus der Welt!
Auf ewig
deine Industrie“

Glückliches, Originelles

Bratwurstbrötchenparadies

Es war einmal ein Würstchen, das lief weg,
weg vom Grill am Bratwursteck.
Es hatte Angst vor Hitze auf dem Rost,
wollt‘ nicht enden als Bratwurstkost.

Es denkt immer an Sonnenschein,
träumt von einer Liege.
Brutzeln könnte so traumhaft sein.
Brutzeln möchte es nicht allein!

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