Fantastisches, Kurzgeschichten

Fünkchen

Fast geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlusslichter rasch kleiner wurden. Wenn er nur mitfahren könnte. Wie immer entwickelte die abfahrende Bahn einen Sog des Abschieds, der sein Herz zusammen zog: Menschen, die er vom Sterbett abgeholt und in den Zug gesetzt hatte, fuhren vom Dunkel des Dies- in ein Strahlen des Jenseits. Nur er – er war verdammt am Bahnhof zu bleiben, in jener zugigen Zwi­schenwelt, der er verpflichtet worden war.

Der Mann warf die halb aufgerauchte Zigarette aufs Gleis, ballte seine Hände in den Manteltaschen zu Fäusten und fühlte die Liste in seiner Rechten. Für heute war nur noch ein Name übrig: Ida Funke, Klinikum Mitte, Kinder-Onkologie, Zimmer 311, Sonderfahrt um 02:30 Uhr. Der Mann fuhr sich durch sein graues Haar und trat auf den Bahnhofsvorplatz. Nächtliches Schwarz tropfte von den Dächern und wurde ein ums andere Mal vom spärlichen Licht der Laternen aufgefangen. Schnell an der Altstadt vorbei, wo sie Wolfgang Petrys Wahnsinn, wa­rum schickst du mich in die Hölle? grölten. Diese aus dem Grau des Alltags zurecht geflickten Clowns. Er fürchtete ihre grinsenden Fassaden, hinter denen sich die Wirklichkeit schlafen gelegt hatte. Sie hatten nichts gemein mit ihm, der er seine eigene Wirklichkeit Tag für Tag in sich brennen fühlte, außer dem Höllenfeuer vielleicht, von dem sie sangen, und dem er so gerne entflohen wäre. Kühler Nebel hing in der Luft, und aus dem Gulli schlich ein modriger Geruch in seine Nase. Der Mann zog seinen Mantel enger um sich.

Gott sei Dank, da war ja das Krankenhaus. Die Stille im Gebäude tat ihm wohl. Zimmer 311. Als der Mann eintrat, saß Ida aufrecht im Bett.

„Schscht, meine Mama“, mahnte sie und deutete auf die Schlaf­stätte neben sich.

„Ida Funke?“ Schnackend fiel die Tür ins Schloss. Das Mädchen antwortete nicht. „Du bist doch Ida Funke?“ Stille. „Mensch, Mädchen, du wirst doch wohl wissen, wie du heißt.“ Der Mann kramte in seiner Manteltasche.

Sie funkelte ihn an. „Klar weiß ich. Die Ärzte wissen es. Nur Sie… Sie müssen der Spezialist sein, den sie zusätzlich angefordert haben?“ Er schwieg.

„Wie alt sind Sie?“

Auf welche Fragen Kinder kamen. Perplex strich sich der Mann über seine Nasenwurzel. ‚Gefühlt mindestens dreistellig’ dachte er und brummte: „Ich soll dich zum Zug bringen. Komm’! Anziehen!“

„Zum Zug?“ Ida schlüpfte in ihre Jeans und bedeckte die Glatze mit einem Kopftuch.

„Ja! Bist du schwerhörig?“ Seine Grobheit versickerte in der Tintenschwärze ihrer Augen. Mist, so hatte seine Tochter auch oft geschaut. „Tut mir leid! Der Fahrschein muss…“, endlich hielt er die Liste in seiner Hand, „in einer deiner Hosentaschen sein. Es geht zu deinem Papa.“

Tatsächlich, Ida fischte das Ticket heraus: „Ha! Zu Papa! Hier steht sogar mein Name. Und… Mama?“

„Steht nicht auf der Liste.“

Entsetzt flogen Idas Augen hin und her. Als sie das Gesicht der Mutter fanden, kamen sie schließlich zur Ruhe. Sie streichelte sie mit ihren Blicken. „Wir könnten Mama das Ticket…“

„Ist auf DICH ausgestellt“, entfuhr es ihm. Er sank auf einen Stuhl und vergrub den Kopf.

Sie ergriff seine rechte Hand. „Sie würde sicher zu gern mitkommen.“

„Hm“, nickte der Mann. „Versteh’ ich gut. Ich wäre auch gern mitgegangen – damals, mit meiner Frau und meiner Tochter.“

Idas Augen verdunkelten sich. „Sie sind auch da?“

„Hm“, der Mann richtete sich auf und blickte in die Ferne. „Alle kommen sie an, gut an. Und… tja, also, dabei wollen die meisten gar nicht so recht… ich meine, jedenfalls oft… bevor sie mit mir gesprochen haben… Und ich, und das ist wirklich verrückt, also ich will unbedingt…“, er schlug sich mit der Hand auf den Mund. „Na ja. Aber ohne eigene Fahrkarte – Schwarzfahren geht nicht. Kann ich mir noch so sehr wünschen – meine Familie.“

Ida kletterte auf das Bett ihrer Mutter, die sie schlaftrunken um­armte, und blieb innig verwoben liegen. Aus halb gesenkten Lidern blinzelte das Mädchen ihrem nächtlichen Besucher zu: „Wie heißt du eigentlich?“

„Du glaubst nicht, wie gerne ich…“, flüsterte der Mann wie ferngesteuert. „Also, ich saß schon mal im Zug, weißt Du? Aber da haben sie mich rausgeschmissen, weil ich keinen Fahrschein besaß. Immer wieder hab’ ich’s probiert.“ Er zuckte die Ach­seln. „Tja! Jetzt muss ich mir das Ticket verdienen.“

Ida streckte ihre Hand nach ihm aus. „Indem du uns zum Zug bringst?“ Der Mann nickte, griff sanft nach ihren Fingern und schwieg. Nach einer Weile durchbrach sie zart die Stille: „Tust du mir ´n Gefallen?“

„Kommt drauf an.“ Sanft löste er sie aus den Armen der Mutter und trug sie hinaus.

„Sagst du Mama, dass ich ihr Tschüss gesagt habe, wenn du sie abholst?“

Er nickte. „Jetzt Abmarsch!“, kommandierte er schroff, doch seine Augen lächelten. Als er sie absetzte, nahm sie zutraulich seine Hand und trottete schweigend mit ihm zum Bahnhof.

„Sonderzug für besondere Gäste“, brummte der Mann und half Ida ins Abteil. Stürmisch umarmte sie ihn und schickte ihm eine Sternschnuppe aus dem unergründlichen Dunkel ihrer Augen.

„Wünsch dir was“, wisperte sie mit einer Endgültigkeit, die ihn bis ins Mark traf.

Seine Familie – eine Fahrkarte – er könnte sich… Nein! „Komm gut an, Fünkchen!“  Mehr gab es nicht zu wünschen.

Als der Sonderzug aus der Halle glitt und die Schlusslichter sei­nem Blickfeld entschwanden, zündete sich der Mann eine Ziga­rette an und lächelte über das ganze Gesicht. Zum ersten Mal nach langer Zeit. Langsam glitt seine rechte Hand offen in die Manteltasche. Er spürte festes Papier, scharfe Kanten und… das Format eines Fahrscheins.

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