Gesellschaftliches

Die Zeit stand leise

Himmel, wie war sie hierhin gekommen? Ira starrte in das Hellgrau des Krankenhausgangs, der sich vor ihr scheinbar ins Endlos verlor. Fröstelnd zog sie die Schultern hoch. Die Welt hatte sich urplötzlich in ein Turbo-Karussell verwandelt, soviel wusste sie noch. Aber wo genau war sie gewesen? Zu Hause? Nein, sie wollte die Kinder von der Schule… und dann, mitten auf der Kreuzung… Sie hatte nicht gedacht, dass sie ihn noch einmal wieder sehen würde… Toms Lächeln blitzte in Iras Gedächtnis und malte sich auf ihr Gesicht.

Noch ganz dicht, Ira? Tom ist schon vor Jahren gegangen. Stimmt ja. Wer sich im Paradies befand, konnte unmöglich an einer Ampelkreuzung stehen. Iras Geist hatte ihr wieder mal Streiche gespielt, obwohl sie sich seit Monaten gut im Griff glaubte. Und… Aber… wie war sie jetzt in den OP-Trakt gelangt? Wie spät war es überhaupt?

Kurzer Blick auf die Uhr über der Schleusentür zu OP 4: Der große Zeiger war im Begriff, mit einem Zang auf viertel nach elf zu springen, als der Sekundenzeiger mit seinem ewigen Tock-tock den Geist aufgab und den Gang in Stille tauchte.

Pelzig-bitterer Gallengeschmack auf der Zunge, pfui Teufel. Leise Kreislaufschwäche, soviel war sicher. Ira schlang die Arme um ihre OP-Montur. Mochten die Heizkörper unter der Thermopen-Fensterreihe zu ihrer Rechten gluckern, was ihre Rohre hergaben. Sie hatten noch nie etwas bewirkt in diesen Nischen, die allenfalls als Energiefresser taugten. Wie um zu antworten, verstummten auch die Rohre. Auf einmal fror Ira nicht mehr –  wie früher, wenn Tom seine Arme um sie gelegt hatte.

Wie ein Weckruf blitzte das Metall eines Schlüssels in Iras Hand auf und reflektierte die grelle Leuchtstoffröhre über ihr. Stummer Schrei nach Aufmerksamkeit. Er paarte sich mit Toms leisem Lachen. Zum Teufel mit den Streichen! Wozu brauchte sie den Schlüssel hier? Die OPs zur Linken wurden mittels Code geöffnet und gesichert. Ratlos legte Ira den Schlüssel auf den Rahmen des Fensters links neben OP4, spähte routinemäßig durchs Glas und desinfizierte sich dabei die Hände am darunter hängenden Spender. Merkwürdig, der typische Geruch des Steriliums wollte sich nicht in ihrer Nase melden. Egal, so würde ihr Magen nicht zusätzlich noch gereizt. OP 4? Wo war nur ihr Grips geblieben? Irgendjemand musste sie zum Dienst gerufen haben.

„Ira, Arbeit für Dich!“ Der Notarzt aus der A3 hatte sie um viertel vor elf angerufen, aber Ira kam es vor, als läge es Jahre zurück.

„Was denn?“ Ihre Erinnerung floss zäh wie Lava.

„Häuslicher Sturz. Verdacht auf Apoplex!“

„Stabil?“

„Stabil ist anders.“

„Okay, bin gleich da.“

Da war sie also: durchatmen, Körperfunktionen herunter fahren, die Hand beruhigen, Konzentration! Noch ein kurzer Blick durchs Fenster: Die Patientin lag zusammengekrümmt auf der Trage. Ihr linker Arm hing schlaff herunter, ebenso ihr linker Mundwinkel. Typisch Schlaganfall. Sie kam Ira seltsam bekannt vor, aber wo sollte sie sie zuordnen? Dass die Erinnerung heute nicht fließen wollte… Stillstand kribbelte ihr in den Fingern. Ira hasste das. Auf zur üblichen Routine: Blut abnehmen, Kanüle legen, Infusion anhängen, kurz Herz und Lunge abhören, dann Röntgen und EKG. Irgendetwas hielt sie noch zurück. Die Mimik ihres Oberarztes Dr. Wolf schrie zum Himmel, und warum stand das Team wie ein Orchester aus dissonanten Gesten herum? Ira eilte durch die Schleuse.

„Befund?“

Sie wollte die herunterhängende Hand der Patientin ergreifen, als das Gebräu gedämpfter Sätze und schweigender Unbehaglichkeit sie genauer hinsehen ließ. Gab’s das? Diese Ähnlichkeit. Das war… Sie selbst? Definitiv zu viele Falten! Wo sie so viel in Cremes investiert hatte. Was sagten die Hände? Lieber nicht hingucken.

Das Tock-tock des Sekundenzeigers der OP-Uhr löste Iras Blick von der Patientin. Der große Zeiger war im Begriff, mit einem Zang auf viertel nach elf zu springen. Er tat es nicht, die Zeit stand leise. Und auf einmal hielt Ira den Schlüssel wieder in der Hand.

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