Fantastisches, Kurzgeschichten

Bis ans Ende der Welt

Wo war Edna? Seit Wochen suchte Helco Nacht für Nacht. Seit Wochen ohne Erfolg. Hilflosigkeit brannte in seinen Adern wie das Verlobungs-Medaillon auf der Brust. Jetzt, kurz bevor Purpur die Ausläufer des Himmels in Schokolade verwandelte, lagen die Straßen verlassen. Helcos Körper schmerzte vor Müdigkeit, doch sein Geist war zu aufgewühlt, um Ruhe zu finden. Er musste mehr über Agor in Erfahrung bringen.

„Ich dolmetsche“, hatte der am Tresen im Huxley‘s fallen lassen. „Zwanzig Sprachen, fünf originär erlernt, der Rest nach Chipimplantat.“ Das war vor sechs Monaten gewesen, unmittelbar nach der Beerdigung von Ednas Vater. „Bis die mit der Genehmigung für die OP endlich aus den Latschen kamen … Finden Sie nicht auch, dass das zum Wohle aller schneller gehen müsste?“ Dabei hatte Agor Edna tief in die Augen geschaut, sie beide auf ein Bier eingeladen und vermutlich nur sein eigenes Wohl im Schilde geführt.

Verdammt! Das Pochen hinter den Schläfen bei Agors Anblick hätte Helco warnen müssen. Dieses gegelte Haar und der blaue Seidenanzug wollten absolut nicht zum Äußeren von Ednas Dolmetscherkollegen passen. Doch hatte Helco damals sein ungutes Gefühl den Räucherstäbchen zugeschrieben, der Beerdigung und dem Abschied von seinem Schwiegervater. Helco hasste Abschiede. Erst vernebelte der Singsang der Soma-Veritologen die Sinne, dann der Alkohol, und zum Schluss war Edna gegangen, ohne dass er genau hätte sagen können, wann.

„Zum Dolmetschen gehören glasklare Botschaften, nicht wahr?“

Was Edna sagen würde, wenn sie erfuhr, dass Agor nur eine Sprache beherrschte: die der Fusion aus dubioser Soma-Gesundheitsinquisition und dem Veritology-Kirchenverschnitt? Zum Teufel, da grinste schon wieder einer von der Plakatwand: Ewig leben! Wer in die Röhre schaut, wird nie mehr krank! Bewirb dich jetzt. Bei Soma-Veritology.

In die Röhre gucken? Allerdings. Wer versuchte, bei Soma-Veritology nachzuforschen, so wie er nach Agor oder Edna, den ließen sie alt aussehen. Helco rammte die Fäuste tiefer in die Jackentaschen, während er durch die leeren Straßen zu seinem Rover zurückging. Für Ednas Vater war auch nicht mehr als die Diagnose Hirntumor herausgekommen. „Unheilbar, tut uns leid.“ Von wegen ewig leben. Oder nahmen die nicht jeden? Was passierte mit den Dutzenden von Menschen, wenn sie sich um den Recall zur Überwindung des wundesten Punktes bewarben? Keinen von ihnen hatte Helco je wieder gesehen.

Doch das schien niemanden zu interessieren. Die Medien berichteten immer nur vom Andrang vor dem Soma-Veritology-Center und stellten Profile möglicher Kandidaten vor. Jeder von ihnen wollte scheinbar „entdeckt“ werden, übte „Edelmut zum Wohle aller“, lud Wildfremde auf die Soma-Veritology-Mahlzeit des Jahres ein: Bio-Oblaten-Burger. Über fünfzig Rezepte beherrschten die Gastronomen im Stadtzentrum.

Helco spuckte in den Rinnstein. Edna konnte weder kochen noch backen, aber sie besaß Feuer für tausend Bio-Oblaten. Am Horizont glommen erste goldene Schlieren und tasteten an den Häuserfassaden entlang.

Unvermittelt stockten seine Schritte. Er wandte sich um und starrte in die Auslagen der 24-Stunden-Wertannahme gegenüber des Soma-Veritology-Centers. Da lag ein goldenes Medaillon, doppelt so groß wie ein Zwanzigcentstück und Replik eines Maya-Kalenders. Unwillkürlich fuhr seine Hand unter den Kragen. Die vertrauten Konturen gruben sich in die Handfläche, als er die Faust um den Anhänger auf seiner Brust schloss. „In Liebe bis ans Ende der Welt“, hörte er Edna flüstern. Er musste sich zwingen, die Hand zu öffnen und sie aus dem Hemd zu ziehen, als er durch die Tür der Wertannahme trat.

 

„One, two, three and more, join our Visor Eightyfour.“ Ein Schnipp vor den Augen ließ Helco zusammenzucken.

„Willkommen zurück.“ Im Spiegelbild erkannte er Agor neben sich. „Wasser?“ Sein Gegenüber drehte den Sessel zur Seite, griff nach der Karaffe auf dem Tischchen vor sich und füllte zwei Gläser.

Helco nickte. Desorientierung und Misstrauen vermischten sich zu einem Mahlstrom hinter seinen Schläfen. „Toller Trip in die Zukunft …“ Er ließ den Blick inmitten der von Prisma-Spiegeln gesäumten Kugel kreisen.

„Sieht aus, als läge Ihr wundester Punkt in der Vergangenheit.“ Agor lehnte sich zurück. „Viele Menschen antizipieren ihn in der Zukunft. Aber spätestens, wenn keine Krankheit mehr Ihr Alter beschneidet, werden Sie entdecken, dass die Zeit-Frage unwichtig ist.“ Er reichte Helco ein Glas.

„Das Einzige, was mich interessiert, ist Edna.“

„Deswegen sind Sie zu uns gekommen. Wie gesagt, wir helfen Ihnen, wenn …“ Agors Worte schwebten wie Eiszapfen in der Stille.

„Wenn?“

„… wenn Sie im Gegenzug dazu bereit sind, uns zu unterstützen.“

Die Formel! Quantenmechanik mit der Relativitätstheorie vereint. Erinnerung blitzte in Helcos Bewusstsein. Sie hatten es auf sein Lebenswerk abgesehen: zwei Sichtweisen des Universums zu einer zu verschmelzen. Eine Frage, eine Antwort.

„Wir haben das gleiche Ziel, mein Freund. Nur nähern wir uns experimentell – auf geistiger Ebene.“ Agor drehte sich ihm zu, beugte den Oberkörper nach vorn und stützte die Arme auf die Knie. „Während Sie von der wissenschaftlichen Seite kommen und kurz vor dem Durchbruch stehen. Lassen Sie uns gemeinsam ein Scheibchen Unsterblichkeit abschneiden.“

Helco presste die Zähne aufeinander, bis seine Kieferknochen schmerzten. Soma-Veritology legitimiert mit dem Gütesiegel der Wissenschaft und womöglich einem Nobelpreis? Das musste ein Albtraum sein, nicht die Wirklichkeit. Die Theory of Everything gehörte in verantwortungsvolle Hände.

Agors helle Augen fingen seinen Blick ein und gaben ihm das Gefühl, auf den Grund seiner Seele zu sehen. „Realität ist wie Schrödingers Katze. Sie entscheidet sich in dem Moment, da Sie hinschauen.“

Eine Provokation? Widerwille und Empörung ob dieser Forderung würfelten mit Helcos Magen und drohten, Agor einen Pasch vor die Füße zu werfen. Rasch nahm er einen Schluck Wasser. Er starrte an die Kugeldecke, die über ihm schwappte wie das Meer im Mondlicht. „Sie bluffen. Erst versprechen Sie, dass ich Edna begegne, wenn ich mich auf Ihre Methoden einlasse!“ Die Worte quollen ihm beinahe ohne eigenes Zutun von den Lippen. „Und dann schicken Sie mich ACHT Mal in denselben Film und lassen mich immer wieder von vorn suchen? Lächerlich. In Wahrheit wissen Sie nichts über Edna.“

„Schrödingers Katze: Könnte sein und könnte auch nicht sein. Mein Freund, Sie haben Zeit verspielt, weil Sie sich weigern, mit uns zusammenzuarbeiten. Wenn Sie sich endlich bereit erklären zu kooperieren, werden Sie in der nächsten Reise einen Schritt weiter kommen.“

Helco lehnte sich zurück. „Glauben Sie, dass ich unter Ihrer billigen Anspielung buchstäblich die Katze im Sack kaufe?“ Er dachte an Ednas Lächeln und widerstand dem Bedürfnis, Agor anzubrüllen. „Beweisen Sie mir, dass ich einen Schritt weiterkomme. Dann erst bin ich bereit, über Ihren Vorschlag nachzudenken.“

„Na, ob Ihre Liebe so groß ist.“ Agor zückte eine Fernbedienung. „Aber als Zeichen unseres guten Willens: Wohl dem, der Futur Eins bereist, erkenn‘ in dir den wahren Geist.“

Augen starrten Helco aus den Prisma-Spiegeln an, lösten sich, flogen ihm entgegen, versenkten sich in ihm. Mehr und immer mehr bestürmten ihn, bis er wieder vor der Tür der 24-Stunden-Wertannahme stand.

 

Die Hälfte des Ladens wurde von einer gläsernen Theke eingenommen, die offenbar als Ladentisch diente. In ihr befanden sich die verschiedensten Schmuckstücke und Uhren. Regalreihen säumten die Wände, vollgestopft mit Krimskrams. Hinter der Kasse sah eine junge Frau von einem Buch auf und nickte ihm zu.

„Hallo. Das Maya-Medaillon aus dem Schaufenster. Ich würde es mir gern ansehen.“ Helco versuchte unbeteiligt zu klingen, obwohl er innerlich zitterte.

„Gerne.“ Sie legte die Lektüre beiseite, kam um den Ladentisch herum und öffnete das Sicherheitsglas, das die Auslagen vom Laden trennte. Als sie ihm die Kette reichte, fand er die kleine Kerbe auf der herausgestreckten Zunge der Maske sofort.

„Nehme ich.“ Er zahlte und hinderte sie mit einem Kopfschütteln daran, das Medaillon einzupacken. „Ist gut so. Aber vielleicht können Sie mir sagen, woher Sie es haben?“

Sie zögerte erst, nickte dann aber. „Der Pförtner von Soma-Veritology hat es gebracht. Vor etwa zwei Monaten.“

„Sicher?“

Verwirrung färbte ihren Blick, verwandelte sich in Misstrauen. „Definitiv. Wieso? Etwas nicht in Ordnung?“

„Doch klar.“ Er lächelte, wünschte eine gute Nacht und ging. Draußen beschleunigte er seine Schritte, bis er beinahe rannte. Schließlich erreichte er den Rover. Seine Hand zitterte, als er den Zeigefinger auf das Scan-Feld an der Tür legte und auf Einlass wartete. Im Wagen holte er das Medaillon aus der Hosentasche. Er zog die schmale Goldkette mit seinem eigenen unter dem Hemd hervor und hielt sie nebeneinander. Dann schloss er die Augen und bohrte den Kopf in die Kopfstütze. Das durfte, das konnte nicht sein! War dies das Ende der Welt? Edna hätte sich nie freiwillig von ihrem Verlobungsgeschenk getrennt.

 

„Kandidat erreicht Maximalpuls. Reise-Abbruch.“ Der monotonen Lautsprecherstimme folgte ein Fingerschnipp. „One, two, three and more, join our Visor Eightyfour.“

Die Prisma-Spiegel in der überraschend hell erleuchteten Kugel gähnten Helco weißflächig an. Sein Blick fand Agors Drehstuhl leer. Doch dann hörte er Stimmen. Agor schien verärgert, aus der Sitzung geholt worden zu sein.

„Ein Notfall.“

Jemand berichtete offenbar, aber zu leise.

„Oxytocin?“

„Damit werden wir nicht weit kommen.“

Verdammt, wo gab es hier eine Tür? Helco wollte aufspringen, aber seine Beine waren wie benommen, eins vom Besuch in der Wertannahme, eins von den Wortfetzen draußen. Er stürzte und kugelte auf den Rücken. Wo das Meer im Mondlicht geschwappt hatte, herrschte Ebbe auf weißem Prismasand. Eine Ebbe, die sich auch auf sein Hirn auszudehnen schien.

„Amnesie-Behandlung intensivieren?“

„Unsinn.“

Gemurmel.

Edna, flüsterten die weißblinden Spiegel. Edna, seufzte der Boden unter ihm. Edna, brodelte sein Blut. Ihr Name tanzte auf seinen Lippen, als er sich aufsetzte und einen Schluck Wasser trank. Er fuhr mit der Hand in die Hosentasche, zog das Medaillon hervor und stockte. Wie lange trug er es schon bei sich? Seit er hier angekommen war? Jedenfalls konnte die Manipulation des Geistes noch keine Schmuckstücke materialisieren. Also, was genau war passiert? Und warum erinnerte er sich nicht?

Ungewissheit streckte die Krallen nach ihm aus. Er musste verhindern, dass sie sich im Kopf festbiss wie ein Parasit, der alle Zuversicht aufsog. Was hatten die Soma-Veritologen mit seiner Verlobten gemacht? Schrödingers Katze: Edna tot oder lebendig? Seine Gedanken stolperten und begannen zu rasen. Die Welt schrumpfte auf diese beiden Möglichkeiten. Er musste hier raus.

Wie ein Aschemantel fiel die Benommenheit von ihm ab. Helco blickte sich um. Im Muster der weißen Prismaflächen konnten seine Augen weder eine Tür noch Sensorflächen ausmachen. Dafür entdeckte er die Fernbedienung auf Agors Drehsessel. Wahllos drückte er ein paar Knöpfe, worauf sich die Spiegel verdunkelten und eine Kolonne grün schimmernder Daten unter seinem Namen erschien. Was zum Teufel …?

Draußen flammten Stimmen auf und trieben ihn zur Eile. Wieder drückte er und hörte hinter sich ein kaum wahrnehmbares Summen. Ein Spalt klaffte auf und ließ einen Streifen Licht in die dämmrige Kugel. Von Ferne hallten Schritte, Absätze auf Marmor. Vorsichtig spähte er hinaus, schlüpfte durch die Öffnung und fand sich in einem Treppenhaus wieder. Ein schwacher Duft hing über den Stufen. Kräuter und herbe Süße in einer sterilen Luft. Beinahe hätte er aufgeschrien vor Überraschung. Doch er schluckte nur und kämpfte darum, die Kontrolle über Körper und Geist zurückzugewinnen. Diese Duftnote kannte er nur an einem einzigen Menschen.

Im nicht enden wollenden Abstieg musste er ein paar Stufen übersehen haben. Der Knall eines Bänderrisses hallte mit seinem Aufschrei im Treppenhaus wider.

„Hallo? Brauchen Sie Hilfe?“ Von unten drang eine sehr vertraute Stimme an Helcos Ohr.

Wenig später tauchte Edna vor ihm auf. Blauer Seidenanzug. Die blonden Haare nach hinten gegelt.

„Haben Sie sich wehgetan?“ Sie bückte sich, streckte ihm die Hand entgegen.

„Mein Gott, Edna.“ Er griff danach. „Was machst du hier?“

„Können Sie aufstehen?“ Sie wollte ihn hochziehen, doch er winkte ab. Sie kniete sich vor ihn auf den Boden. „Umgeknickt? Das kriegt die Röhre wieder hin.“

„Liebes! Das … das …“ Er versuchte, sie in seine Arme zu ziehen, doch sie entzog sich.

„Edna, wie …? Wo …? Ich meine, ich hab dich überall gesucht. Geht es Dir gut? Was tust du hier?“

Ein Flecken Stille lag zwischen ihnen.

„Dolmetschen.“

Gott behüte – wo war das Feuer in ihren Augen geblieben?

„Aber …“

„Zwanzig Sprachen, fünf originär erlernt, der Rest nach Chipimplantat.“

Helco fuhr sich mit der Hand über den Mund. „Lass mich raten: Es hat gedauert, bis die mit der Genehmigung für die OP endlich aus den Latschen kamen.“

„Ja.“ Sie zog die Augenbrauen hoch. „Woher wissen Sie das?“

Er zwang sich ein Lächeln auf die Lippen. „Haben sie dich auch in die Röhre geschickt?“

„Wie alle, die hier arbeiten.“

Helco versuchte, den Schauer abzuschütteln, der ihm über den Rücken lief. „Und? Wie fühlt sich das an?“

„Wunderbar“, erwiderte sie. „Später erinnert man sich an nichts anderes mehr.“ Sie stand auf. „Ich muss los. Abendappell.“

„Edna, einen Moment.“ Helco streckte jäh seine Hand aus, ließ sie dann aber wieder sinken. „Magst du immer noch schokoladefarbenen Himmel?“

„Merkwürdige Frage. Aber keine Sorge, Sie werden sicher auch bald geheilt.“

Sie versuchte, ihn hochzuziehen.

„Du, lass mich noch etwas hier sitzen.“ Helco zog das Maya-Medaillon aus seiner Tasche. „Schenk‘ ich dir. Als Dank für deine Hilfe.“

Edna runzelte die Stirn. „Geschenke geben wir zum Wohle aller ab.“ Sie wandte sich zum Gehen. „Ich muss.“

Als Helco Ednas Schritte nur noch schwach vernahm, vergrub er den Kopf in beiden Händen. Schrödingers Katze. Das schrie nach einer Antwort. Mochte der Mechanismus aus Ursache und Wirkung von den Soma-Veritologen dominiert sein – solange er durch sein Handeln ein neues Universum hervorbringen konnte, blieb er frei. Am Ende der Welt würde er den Anfang finden. Für Edna. Weiter oben hörte er Agor fluchend nach ihm suchen.

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